Skulpturale Formen im fotografischen Werk von Bernd und Hilla Becher

Im April 1990, einen Monat, bevor das Künstlerehepaar Bernd und Hilla Becher ihre fotografischen Arbeiten im deutschen Pavillon auf der Biennale von Venedig präsentierte, fand im Dia Center for the Arts in New York eine Einzelausstellung unter dem Titel Pennsylvania Coal Mine Tipples statt. Mit insgesamt 144 Fotografien begrenzte sich die Ausstellung ausschließlich auf jene amerikanischen Kleinzechen, welche in den 1970er-Jahren von Bernd und Hilla Becher aufgenommen worden waren.[1]

Bernd & Hilla Becher : Pennsylvania Coal Mine Tipples, 1991.

Bernd & Hilla Becher : Pennsylvania Coal Mine Tipples, 1991.

Bernd und Hilla Becher: Clark Coal Co., Valley View, 1975, Schuylkill Country.

Bernd und Hilla Becher: Clark Coal Co., Valley View, 1975, Schuylkill Country.

Das Holzgerüst dieser Kleinzechen unterscheidet sich von den übrigen Konstruktionsarten der Fördertürme, da der Schacht hier nicht senkrecht durch die Gesteinsschichten verläuft, sondern der Richtung des an die Oberfläche reichenden Kohleflözes folgt. Der Winkel, der sich aus der Lage der Kohle zur Neigung der Erdoberfläche ergibt, bestimmt die Konstruktion.[2] Diese Holzfördertürme besitzen durch ihre Formenvielfalt einen großen skulpturalen Charakter, da sie in einer filigranen und regelrecht planlos wirkenden Bauweise gefertigt wurden. Ihre eigentümlichen Formen entstanden nicht trotz, sondern gerade aufgrund der mangelnden Gestaltung. Jede dieser Kleinzechen steht für sich und ist somit ein Unikat, welches durchaus mit einer Skulptur im öffentlichen Raum verglichen werden kann. Divergent zu den Kleinzechen in Pennsylvania weisen die fotografierten Stahlfördertürme von Bernd und Hilla Becher durchaus Ähnlichkeiten mit einer Radskulptur auf, weshalb sich eine kritische Gegenüberstellung mit den Maschinenspielen von Jean Tinguely anbietet.[3]

links: Jean Tinguely: Heureka, 1963-64, Zürich; rechts: Bernd u. Hilla Becher, Zeche Ewald, 1982, Recklinghausen, Ruhrgebiet (Quelle: Bilddatenbank prometheus)

links: Jean Tinguely: Heureka, 1963-64, Zürich; rechts: Bernd u. Hilla Becher, Zeche Ewald, 1982, Recklinghausen, Ruhrgebiet (Quelle: Bilddatenbank prometheus)

Tinguely stellte mit seinen Bewegungsskulpturen aus Alteisen in den 1960ern die Gesetze der Skulptur auf den Kopf. Diese Gebilde aus Eisenstücken, Federn, Drähten und Rädern bildeten im eigentlichen Sinne eine Materialcollage, die zu neuen Ausprägungen der zeitgenössischen Skulptur führten.[4] Vergleicht man die Werke der beiden Künstler, so trifft man auf völlig unterschiedliche Arbeitsweisen. Auf der einen Seite steht Jean Tinguely, welcher seine aus Industrieabfall gebauten Skulpturen zum Leben erweckte. Auf der anderen Seite trifft man auf Bernd und Hilla Becher, welche Industrieobjekte fotografisch dokumentierten und somit in ihrem Zustand der Unveränderlichkeit einfroren.[5] 1960 baute Tinguely für den Skulpturengarten des Museum of Modern Art (MOMA) in New York die Monumentalskulptur Hommage à New York, die sich in einem 30-minütigen Happening selbst zerstörte. „Ich wollte etwas Kurzlebiges erschaffen […] Ich wollte nicht ‚ver-Museumt’ werden.“[6] Stillstand gibt es für Jean Tinguely nicht und somit gehen die Arbeitsweisen der beiden Künstler in völlig verschiedene Richtungen.[7] Das Thema des Materials hat bei Tinguely auch einen anderen Stellenwert, als es bei Bernd und Hilla Becher der Fall ist, denn diese fotografierten die Industrieobjekte nicht nur und typisierten sie ihrer äußeren Erscheinungsform gemäß, sondern auch unter Berücksichtigung des Materials. Tinguely hingegen bezeichnete das von ihm verwendete Material als „wertlosen Plunder“, der für ihn ohne Bewegung wertlos sei:

„[…] Das Lächerliche, das Unnütze, das Unwichtige, das Nicht-ernst-zu-Nehmende, das ist mir an den Materialien wichtig. […] Lieb wäre es mir, wenn meine Maschinen eines Tages zusammenbrechen würden.“ [8]

Jean Tinguely: Homage to New York, MOMA, 1960.

Jean Tinguely: Homage to New York, MOMA, 1960.

Die Phase des Zusammenbruchs war bei den meisten Industrieobjekten, welche von Bernd und Hilla Becher dokumentiert wurden, zum Zeitpunkt ihrer Erfassung bereits eingetroffen. Divergent zu Tinguely arbeitete das Künstlerpaar sowohl gegen die Zeit als auch gegen den Abbruch dieser Objekte, um sie durch ihre Fotografien vor dem Verschwinden zu bewahren.

Folgt man der Geschichte der Fotografie, so stößt man laut Lothar Romain auf zwei einander widersprechende Einsatzweisen des Mediums Fotografie. Einerseits existiert die mit der bildenden Kunst konkurrierende, ästhetisch ambitionierte Fotografie, und andererseits die Fotografie als Medium der Dokumentation, wie es bei Bernd und Hilla Becher vorzufinden ist.[9] Die Fotografien des Künstlerehepaares dokumentieren architektonische Zeugnisse, aus denen das kreative Potential einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklungsstufe ablesbar ist. Man erlebt in diesen Bildern keine von Eindrücken und Emotionen dominierte Reportage, sondern eine Form von fotografischer Industriearchäologie, welche die Möglichkeiten der Fotografie hervorhebt und deutlich macht. Bernd und Hilla Becher arbeiteten nicht mit dem Medium der Fotografie, um einen Schnappschuss zu erzielen, welcher einen kurzen Augenblick fixiert; ihre Arbeiten stützen sich auch auf kein Vorher und Nachher, da sie beides beinhalten und dokumentieren. In den Fotografien des Ehepaares sind diese Industrieobjekte in einem Zustand der Unveränderlichkeit abgebildet und somit ist es zu jeder Zeit möglich, diese anonymen Skulpturen in einer sonst nicht erreichbaren Genauigkeit zu betrachten.[10]

(Auszug aus meiner Proseminararbeit von 2011: Architektur? Skulptur? Fotografie? Der Versuch einer Kategorisierung der Arbeit von Bernd und Hilla Becher bei Univ.-Ass. MMag. Karin Eckstein)


[1] Bernd u. Hilla Becher, Pennsylvania. Coal Mine Tipples (Kat. Ausst., Dia Center for the Arts, New York 1990/ 1991), München 1991.

[2] Bernd u. Hilla Becher, Fördertürme, in: Bernd & Hilla Becher. Fördertürme – Chevalements – Mineheads (Kat. Ausst., Museum Folkwang Essen, Essen 1985, u.a.), München 1985, S. 7.

[3] Thomas Grochowiak, Über eine noch nicht zu späte Erkenntnis, in: Anonyme Skulpturen. Formvergleiche industrieller Bauten. Fotos von Bernhard und Hilla Becher (Kat. Ausst., Städtische Kunsthalle Düsseldorf, Düsseldorf 1969), Düsseldorf 1969, S. 7.

[4] Erika Billeter, Jean Tinguely. Spiel und Mysterium, in: Lothar Romain/ Detlef Bluemler (Hg.), Künstler. Kritisches Lexikon der Gegenwartskunst. Jean Tinguely, Ausgabe 24, München 1993, S. 3.

[5] Diesen Hinweis verdanke ich Frau MMag. Karin Eckstein.

[6] Anm.: Die Fragmente der zerstörten Skulptur wurden jedoch ohne die Bewilligung von Tinguely im MOMA ausgestellt. Anette Reckert/ Julia Schäfer, Tinguely von A-Z, in: L’esprit de Tinguely (Kunstmuseum Wolfsburg, Wolfsburg 2000, u.a.), Ostfildern-Ruit 2000, S. 255-256.

[7] Ebd., S. 35.

[8] Heinz-Norbert Jocks, Jean Tinguely. „Ich beschäftige mich mit dem Tod, um ihn zu bekämpfen.“, in: Kunstforum International, 115, 1991, S. 275.

[9] Lothar Romain, Photographie – am Beispiel von Hilla und Bernd Becher, in: Kunstforum International, 16, 1976, S. 68.

[10] Ebd., S. 71-72.

Über Marlene Obermayer

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Ein Kommentar

  1. Hat dies auf Das Kunstbuch rebloggt und kommentierte:

    Die Arbeiten von Bernd & Hilla Becher sind aktuell bei Sprüth Magers in London zu sehen – nur noch bis 4. Oktober 2014!

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