Künstlerbuch | Artists‘ book: Lawrence Weiner. Statements, 1968

Lawrence Weiner – Statments, 1968 (Foto: Marlene Obermayer)

Eine Ausstellung in Form eines Buches? Als der amerikanische Konzeptkünstler Lawrence Weiner (*1942) in den späten 1960er-Jahren mit seiner Idee zu Seth Siegelaub kam, war dieser begeistert. In dem sehr schlicht gehaltenen grauen Taschenbuch befinden sich ausschließlich Texte – die sogenannten Statements, gegliedert in 12 generelle und 12 spezifische Statements.

Lawrence Weiner meinte einmal in einem Interview, dass für ihn die Idee, über Künstlerbücher zu sprechen, unverständlich sei und er keine Vorstellung davon habe, was ein Künstlerbuch sein soll. „Denn eigentlich ist es ganz einfach: Ein Buch ist ein Buch. Künstler sind Menschen und Menschen machen Bücher.“ (Interview mit P. Blaser, 2001)

Dezember 1968 – Dass die Ausstellung in der Galerie von Seth Siegelaub (New York, NY) nur in gedruckter Form existierte, war eine bemerkenswerte Zäsur, was die Präsentationsform von Kunst in den 1960er-Jahren betraf. Weiner, der ein Jahr zuvor die Malerei aufgegeben hatte, arbeitete ab diesem Zeitpunkt ausschließlich mit Sprache. Er erkannte, dass er mit einer allgemeinen Vorstellung von Material arbeiten wollte und nicht mit einer spezifischen. Im Gegensatz zu den Büchern von Ed Ruscha, wo das Buch an sich das Objekt ist, handelt es sich bei Statements um ein Buch voller Objekte.

„Das Buch war nicht etwas Besonderes oder gar „Heiliges“, es war einfach praktisch. Deshalb ist auch nur der Inhalt interessant. Jedes Objekt, jede Arbeit von mir in diesem Buch war sehr wichtig, nicht aber die Idee von diesem Buch. Das war absolut nicht radikal, es war ziemlich normal.“

(Interview mit P. Blaser, 2001)

Weiners Statements stehen auch in enger Beziehung mit dem Umgang mit Materialien und stellen die Abkehr von der handwerklichen Fertigung eines Kunstwerkes dar. Unabhängig von jeglicher grammatischen Regel und willkürlich gebrochenen Absätzen, findet sich im Buch pro Seite je ein Statement.

Lawrence Weiner: General Statement – Nr. 1 (Foto: Marlene Obermayer)

A field craterd by structured simul

taneous TNT explosions

(Ein gekratertes Feld, das durch gleichzeitige TNT-Explosionen strukturiert wird)

Im Gegensatz zu den generellen Aussagen, die bis dato im öffentlichen Besitz verblieben, konnte man die spezifischen Aussagen – die sich im zweiten Teil des Buches befinden – allerdings kaufen.

Ein entscheidender Wendepunkt in Weiners Vorgehen war die Realisierung der einer generellen Aussage, die er 1968 für eine Skulpturenausstellung am Gelände des Windham College in Vermont realisierte.

Lawrence Weiner: General Statement – Nr. 12 (Foto: Marlene Obermayer)

A series of stakes set in the ground

at regular intervals to form a recta

ngle

Twine strung from stake to stake to

demark a grid

(Eine Reihe von Stäben, in regelmäßigen Abständen in den Boden gesteckt, um ein Rechteck zu bilden. Schnüre, Stab an Stab zusammengebunden, um ein Gitter zu markieren.)

Als die Arbeit von den Studenten zerstört wurde – die Schnüre störten sie beim Überqueren des Campus – erkannte Weiner, dass dies seiner Kunst nichts ausmachte. Das Werk existiere dadurch, dass er es der Öffentlichkeit zugänglich gemacht habe – der physische Zustand sei Nebensache. Nicht lange danach verwendete er die Sprache als primäres Vehikel für seine Arbeit und formuliere im Jahr 1968 sein „Statement of Intent“:

1. Ein Künstler kann ein Werk selber ausführen.

2. Ein Werk kann von einer anderen Person hergestellt werden.

3. Ein Werk braucht nicht ausgeführt zu werden.

Es ist die Idee selbst, die in der Aussage vorherrscht und nicht ihre ausgeführte Form. Das Werk kann auf verschiedene Medien geschrieben oder gemalt werden. Dabei ist wichtig, dass dies immer in Druckbuchstaben geschieht, um nicht den individuellen Charakter des Autors zum Vorschein zu bringen. (Ausstellungskatalog Kunsthalle Bern, 1983)

Der Preis des Buches von 1,95 Dollar, der kleingedruckt in der unteren rechten Ecke steht, war im Vergleich mit den heutigen Preisen einer Künstlerpublikation ausgesprochen günstig. Bücher stellen für Weiner einen alternativen Raum dar, eine Ausstellung, die überall gezeigt werden kann. Gleichermaßen ist es auch mit Statements, wobei die Beziehung in einer doppelten Wortbedeutung gesehen werden kann. Lawrence Weiner: „Das Buch ist die Ausführung und ist auch die Rechnung, es ist das, was du bekommst.“

Daten

Lawrence Weiner – Statements

* 1. Aufl. 1968, 1000, The Louis Kellner Foundation / Seth Siegelaub, New York

* 64 Seiten, 12 General Statements, 12 Specific Statements

* 17,8 x 10,1 cm, Softcover

WISSENSWERT | Nur zwei Bibliotheken in Österreich sind im Besitz dieses ersten Künstlerbuches von Lawrence Weiner. Es kann in folgenden Bibliotheken in Wien besichtigt werden (auf Anfrage):

ausgewählte Literatur:
*Gabriele Koller / Martin Zeiller, Künstlerbücher / Artist’s Books. Zwischen Werk und Statement, Wien 2001.
*Werke & Rekonstruktionen. Lawrence Weiner (Ausst. Kat., Kunsthalle Bern, Bern 1983), Bern 1983.
 

 

Über Marlene Obermayer

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2 Kommentare

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