Joseph Beuys – 7000 Eichen | Der Versuch einer sozialökologischen Gemeinschaftsarbeit

„Jeder Mensch ist ein Künstler.“[1] So geläufig wie dieser oft zitierte Ausspruch von Joseph Beuys ist, sooft wird er auch falsch verstanden. Der Künstler stellt in dieser Aussage den Menschen in den Mittelpunkt, der demzufolge in seinem Beruf oder in den Tätigkeiten, denen er nachgeht, wie ein Künstler operieren sollte. Durch sein Projekt mit dem herausfordernden Titel 7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung, das bis heute das aufwendigste sowie zeitlich und räumlich größte Projekt in der Geschichte der documenta ist, wollte Beuys erreichen, dass der Mensch zum Gestalter seiner zukünftigen Umwelt wird. In einem Zeitraum von fünf Jahren – zwischen der documenta 7 (1982) und documenta 8 (1987) – konnte das Werk, das zu Beginn aus 7000 Basaltstelen bestand, abgeschlossen und am 12. Juni 1987 der Stadt Kassel als Geschenk übergeben werden.

Joseph Beuys wollte bei der documenta nicht mehr in den Räumlichkeiten des Museums sein und so schlug ihm der damalige künstlerische Leiter Rudi Fuchs vor, für die documenta 7, die vom 19. Juni bis 28. September 1982 stattfand, eine Skulptur für den Außenraum zu machen.[2] Unter einem Außenprojekt verstand der Künstler aber keine überdimensionale „Spitzhacken-Skulptur“[3] à la Claes Oldenburg, die im Park steht, sondern ein ökologisches und anthropologisches Kunstwerk, das auf eine ökologische Notwendigkeit hinarbeitet und dem von ihm geprägten Begriff der „sozialen Plastik“ am Nächsten kommt. Demzufolge entschloss sich Beuys, in Kassel 7000 Eichen zu pflanzen, zu denen je ein Basaltstein gesetzt werden sollte.[4] Warum sich der Künstler gerade für ein Baum-Projekt entschied, begründete er in einem Interview mit Theo Altenberg damit, dass er ein Gebilde der Natur nehmen wollte, das mit dem Menschen viel zu tun hat „[…] allein schon durch seine aufrechte Gestalt. Ich glaube, wenn der Mensch an Natur denkt […] wenn man ihn schnell zwingt zu sagen: Denke an Natur, laß dir einen Begriff einfallen – er wird bestimmt zu 90% immer ‚Baum’ sagen […].“[5]

Zur Bewältigung des organisatorischen Aufwandes des Projekts wurde ein FIU-Koordinationsbüro gegründet, das sich in den fünf Jahren bis zur documenta 8 um drei Hauptaufgabenbereiche kümmerte: die Finanzierung der aufwendigen Aktion, die Zusammenarbeit mit der Stadt Kassel sowie die Planung und Durchführung der Pflanzungen, für die die Landschaftsplaner Andreas Schmidt-Maas und Norbert Schulz zuständig waren.[6] Gleichberechtigt miteinbezogen waren auch die Institution der documenta GmbH sowie die Bürger Kassels selbst. Das Projekt 7000 Eichen startete Joseph Beuys noch vor der offiziellen Eröffnung der documenta 7 am 16. März 1982 mit der Pflanzung des ersten symbolischen Baumes im Zentrum der Stadt, vor dem Museum Fridericianum.[7] Flankiert wurde diese erste Eiche von einer Basaltstele, die einen Tag zuvor mit der ersten Ladung von der Nordhessischen Basaltunion auf dem Gelände vor dem Museum abgeladen worden war.[8] Ein Foto von Dieter Schwerdtle vergegenwärtigt den ursprünglichen Eindruck, als im Juni 1982 nun tatsächlich 7000 Basaltsäulen auf der Wiese lagen.[9] Entscheidend ist hierbei, dass der Steinhaufen ein Dreieck bildete, dessen längere Spitze auf das erste gepflanzte Eichenbäumchen wies. Der Künstler verstand es gerade bei diesem riesigen Projekt meisterhaft, mit den Mitteln der Provokation und der Schaffung von Chaos zu arbeiten:

[…]„Dass jetzt eigentlich nur ein Anfang gesetzt wird. Da wird ein Baum gepflanzt, da steht ein Stein daneben, der markiert: In dieser Zeit, in der wir über diese ganzen Fragen der Wiederverlebendigung von Lebenslinien in der Natur, die ja durch die allgemeine Zerstörung unmenschlichen Wirtschaftens in Gefahr ist, dass zu dieser Zeit Menschen also sich aufgemacht haben und einmal die Richtung umgedreht haben.“[10]

In einem Videointerview spricht der Künstler und Mitarbeiter an dem Projekt, Johannes Stüttgen, darüber, dass der Basalthaufen für große Aufregung sorgte.[11] Der Basaltkeil verunstaltete nach Meinung der Bewohner Kassels den schönen Friedrichsplatz und wurde sogar mit einem Haufen Leichen nach dem Krieg verglichen. Die Bürgerinnen und Bürger reagierten auch daher empfindlich, da fünf Jahre zuvor – bei der documenta 6 – der Platz mit einem „Schrotthaufen“ verunstaltet wurde – gemeint war die zwölf Meter hohe Skulptur Terminal von Richard Serra, die bereits kurze Zeit nach Aufstellung als öffentliches Pissoir verwendet wurde und mit Parolen wie „Kunst-Roest(i)“ beschmiert wurde.[12] Neben Serras Außenprojekt stieß auch Der Vertikale Erdkilometer von Walter De Maria auf Antipathie.[13] Die Einwohnerinnen und Einwohner von Kassel sahen durch dieses Kunstwerk ihren Friedrichsplatz gefährdet und verglichen die Bohrung mit einer „überdimensionalen Akupunktur Satans“.[14] Ähnlich war der Widerstand gegen den Steinhaufen von Beuys, der sich laut Stüttgen dazu folgendermaßen äußerte: „Es sei eine Skulptur zum Abbauen. Er will ja auch, dass sie wegkommt. Wenn ihr wollt, dass die Steine wegkommen, dann müsst ihr spenden. Je mehr ihr spendet, desto schneller sind die Steine weg.“[15] 

Insgesamt wurden für die Durchführung des Projekts 7000 Eichen – Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung 3,5 Millionen DM[16] benötigt. Die Anfangsfinanzierung, das heißt, der Kauf und die Anlieferung der 7000 Basaltstelen sowie ein wesentlicher Teil der Gesamtkosten wurde von der New Yorker Dia Art Foundation getragen, die 1974 mit dem Ziel gegründet wurde, Künstlerinnen und Künstler bei der Umsetzung ihrer visionären, aber oft auch schwer finanzierbaren Projekte zu unterstützen.[17] Dank der Stiftung konnte bereits bei der documenta 6 durch den Einsatz von Franz Dahlem, dem damaligen Leider der Foundation in Europa, Der Vertikale Erdkilometer von Walter De Maria finanziert werden, der sich in unmittelbarer Nähe der ersten Eiche in der Mitte des Friedrichsplatzes befindet.[18] Bereits in der Pressekonferenz zur documenta 7 kündigte Beuys an, dass er für die Finanzierung seines Projekts eine Nachbildung der goldenen Zarenkrone Iwans des Schrecklichen einschmelzen werde. Mit den Worten: „Es geht jetzt los! […]“[19] setzte er sein Vorhaben am 30. Juni 1982 in die Tat um. Unter den Schaulustigen befanden sich auch zahlreiche Gegner der Aktion, die unter großem Protest Plakate in die Höhe hielten, auf denen beispielsweise „Wozu die Krone zerstören. Gib der Kunst doch eine Chance“ stand.[20] Auf die Frage, warum er sich nach der Einschmelzung der Krone für den Guss des Metalls in der Form eines Hasen als Friedenssymbol entschieden hätte, antwortete der Künstler:

„Ein Hase als Tier der Bewegung innerhalb der Eurasischen Steppe von Ost nach West – von West nach Ost. Wir wollten einmal […] die Friedenstaube ablösen durch ein neues aktuelles Friedenssymbol. Wir werden also hiermit den Hasen zum Friedensymbol machen […] Ich glaube er ist ein heiteres Tier, das die menschliche Seele anspricht und jedes Kind kennt. […].“[21]

Während der gesamten Dauer der documenta 7 war der Friedenshase – der in einer anonymen Osterhasenform gegossen wurde – inklusive Zubehör in einem mit Panzerglas versehenen Safe im Foyer des Museum Fridericianum ausgestellt. Beuys war sich sicher, einen Käufer für den goldenen Hasen zu finden. Nach den 100 Tagen der documenta wurde das Kunstwerk schließlich an den Unternehmer Josef W. Fröhlich für insgesamt 777.000 DM[22] verkauft, der ihn ab diesem Zeitpunkt der Staatsgalerie Stuttgart als Dauerleihgabe zur Verfügung stellte.[23] In einem Interview zeigte sich der Künstler vom Kauf sehr beeindruckt – denn Fröhlich kaufte den Hasen, ohne zu wissen, dass er damit die gemeinnützige Aktion 7000 Eichen von Beuys unterstützte.[24] Aus einem Rundbrief, der von Joseph Beuys und Franz Dahlem aufgesetzt wurde, geht hervor, dass sich jeder durch die Übernahme der Kosten eines Baumes an der Aktion beteiligen konnte.[25] Der Betrag von 500 DM[26] pro Baum beinhaltete die Kosten des Baumes, der Basaltstele, des Transports sowie der Pflanz- und Aufbauarbeiten; zudem bekam jede Spenderin und jeder Spender ein von Beuys unterzeichnetes Baumzertifikat ausgestellt.[27] Der Künstler hatte sich ausgemalt, dass sich während der 100 Tage der documenta 7000 umweltbewusste Bürgerinnen und Bürger finden lassen sollten, die solidarisch 7000 Schecks à 500 DM ausstellen würden. Leider waren am Ende der documenta 7 noch immer rund 6000 Basaltstelen auf dem Friedrichsplatz und bis zur documenta 8 zeigten sich gerade einmal 350 Privatleute zur Zahlung dieses Betrages bereit.[28]

(Auszug aus der Seminararbeit von Marlene Obermayer (2014): Joseph Beuys – 7000 Eichen. Der Versuch einer sozialökologischen Gemeinschaftsarbeit bei Mag. Dr. Sigrid Ruby, Privatdoz.)

[1] Beuys zit. nach Fabian Püschel, 7000 Eichen (Film), 2010 (15.10.2013), URL: http://vimeo.com/15749968, Min. 02:18-02:20.

[2] Vgl. Theo Altenberg, Videointerview. Theo Altenberg – Joseph Beuys – 7000 Eichen, in: Veit Loers / Pia Witzmann (Hgg.), Joseph Beuys. Documenta-Arbeit (Kat. Ausst., Museum Fridericianum, Kassel 1993), Ostfildern 1993, S. 252-253 und Rudi Fuchs, Eichen, in: Stiftung 7000 Eichen (Hg.), 30 Jahre. Joseph Beuys. 7000 Eichen, Köln 2012, S. 16-17. Laut Aussage von Rudi Fuchs war für jedes Außenprojekt ein Budget von rund 150.000 DM vorgesehen. Im Gegensatz zur documenta 6, an der noch 600 Künstlerinnen und Künstler teilnahmen reduzierte Fuchs für die documenta 7 die Anzahl der Künstlerinnen und Künstler auf etwa 182. (siehe: Kat. Ausst. documenta 1982 oder Kimpel 2002).

[3] Vgl. Aversion / Akzeptanz. Öffentliche Kunst und öffentliche Meinung: Außeninstallationen aus documenta-Vergangenheit, Kassel 1992, S. 115-120.

[4] Vgl. Fuchs 2012, S. 16.

[5] Beuys zit. nach Altenberg 1993a, S. 253.

[6] Vgl. Karl Heinrich Hülbusch / Norbert Scholz, Joseph Beuys. 7000 Eichen zur documenta 7 in Kassel. „Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung“. Ein Erlebnis- und gärtnerischer Erfahrungsbericht, Kassel 1984, S. 18. Fernando Groener und Rose-Maria Kandler wurden von Joseph Beuys und der FIU mit der Geschäftsführung beauftragt und waren u.a. für die Pressearbeit, Lohnbuchhaltung, Auszahlung sowie die Koordination und Zusammenarbeit mit der FIU verantwortlich.

[7] Vgl. Alfred Nemeczek, Klimawandel im Beuysland, in: Stiftung 7000 Eichen (Hg.), 7000 Eichen. Joseph Beuys. Stadtverwaldung statt Stadtverwaltung (CD-ROM, Werkinterpretationen), Kassel 2002, S. 1.

[8] Vgl. Thomas Niemeyer, Die Arbeit des Koordinationsbüros 7000 Eichen, in: Veit Loers / Pia Witzmann (Hgg.), Joseph Beuys. Documenta-Arbeit (Kat. Ausst., Museum Fridericianum, Kassel 1993), Ostfildern 1993, S. 233. und Fernando Groener / Rose-Maria Kandler (Hgg.) / Norbert Scholz, Chronologie, in: Dies. (Hgg.), 7000 Eichen. Joseph Beuys, Köln 1987, S. 172. Die Anlieferung der insgesamt 7000 Basaltstelen (rund 80 Fuhren) dauerte bis Mitte Juni des selben Jahres. Die Steine stammten aus dem Westerwald sowie aus dem Kasseler Umland.

[9] Vg. Zweite 1991, S.35. Die massiven Basaltblöcke wiesen eine Höhe von etwa 1,2 – 1,5 Meter auf und hatten ein Gewicht von bis zu 500 kg pro Exemplar. Beuys entschied sich bewusst für kantig geformte Basaltstelen, die er laut Zweite mit den Verpackungen von Hoffmanns Reisstärke verglich.

[10] Beuys zit. nach Püschel 2010, Min. 05:22-05:54.

[11] Vgl. Püschel 2010, Min. 06:08-06:50.

[12] Vgl. Kat. Ausst. Staatliche Museen Kassel 1992, S. 47.

[13] Ebd., Im Vergleich zu dem gigantischen Projekt 7000 Eichen kostete Der Vertikale Erdkilometer von Walter de Maria „nur“ 300.000$ (rund 216.000€).

[14] Ebd., S. 31.

[15] Stüttgen zit. nach Püschel 2010, Min. 06:15-06:32.

[16] 7000 Eichen x 500 DM (255 €), rund 1,78 Millionen €.

[17] Vgl. Thönges-Stringaris 1987, S. 64-65 und Hülbusch / Scholz 1984, S. 26. Der offiziellen Homepage zufolge wurde die Dia Art Foundation im Jahr 1974 von Philippa de Menil, Heiner Friedrich und Helen Winkler gegründet. Im Jahr 1988 wurden in der 548 West 22nd Street fünf verschiedene Bäume – darunter eine Eiche, ein Gingko, eine Linde, eine Platane sowie ein Birnenbaum – gepflanzt, die jeweils von einem Basaltstein flankiert wurden. Im Jahr 1996 erweiterte Dia das Projekt auf der 22nd Street und pflanzte 18 weitere Bäume, die wiederum von einer Basaltstele begleitet wurden.

[18] Vgl. Kat. Ausst. Staatliche Museen Kassel 1992, S. 16.

[19] Beuys zit. nach Püschel 2010, Min. 01:07-01:21.

[20] siehe Abbildung in: Groener / Kandler 1987, S. 196.

[21] Beuys zit. nach Raeune 2004, Min. 12:50-13:27.

[22] rund 397.000 €. Der Materialwert der Krone belief sich auf ca. 350.000 DM (rund 179.000 €).

[23] Vgl. Loers 1993, S. 259.

[24] Vgl. Oberhuber 1983, S. 63-64.

[25] Ebd. S. 178.

[26] rund 255 €.

[27] Nach dem Tod von Joseph Beuys im Jänner 1986 unterschrieb sein Sohn Wenzel alle zukünftigen Baumzertifikate.

[28] Vgl. Albig 1987, S. 66. Laut der Pressemitteilung vom 24.5.1983 wurden im Frühjahr 1982 insgesamt 112 Bäume gepflanzt. Im Herbst 1982 kamen 1.156 Bäume dazu und im Frühjahr 1983 802 Bäume. Neben Eichen wurden auch Eschen, Linden, Platanen, Ahorn, Rubinien, Kastanien und 20 weitere Arten gepflanzt. (Vgl. Hülbusch / Scholz 1984, S. 16). Für einen Auszug aller Spenderinnen und Spender bis 1987 siehe: Groener / Kandler 1987, S. 259-260.

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4 Kommentare

  1. Vielen Dank für diesen Beitrag!

  2. Alexis Sólveig

    Diese Aktion mit den Bäumen ist einer der Gründe warum ich Joseph Beuys mag. Bin gespannt auf Teil 2.

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