Gastautorin Helga Müllneritsch | Was haben Kochbücher des 18. Jahrhunderts mit Künstlerbüchern zu tun?

Mag. Helga Müllneritsch

Helga Müllneritsch mit der Handschrift MS1963

In meinem Beitrag möchte ich auf einen Aspekt eingehen, der mit dem Gegenstand meiner Dissertation, die sich mit handschriftlichen, österreichischen/deutschen Kochbüchern des langen 18. Jahrhunderts befasst, verknüpft ist.

Die erste Frage, die sich nun stellt, ist natürlich: Was haben Kochbücher mit Künstlerbüchern zu tun? Auf den ersten Blick gar nichts, auf den zweiten werden hauchzarte Gemeinsamkeiten erkennbar. Ich möchte allerdings nicht so weit gehen und die Behauptung aufstellen, Kochbuchhandschriften wären künstlerisch intendierte Produkte. Dennoch lassen sich in ihnen Elemente finden, die Parallelen zu den Künstlerbüchern aufweisen.

Es liegt mir fern, in fremden Gefilden wildern zu wollen und daher entschuldige ich mich gleich zu Beginn bei allen Fachkundigen – und natürlich bei dir, Marlene. Aber jetzt ist es zu spät, da müssen wir durch.

Handschriftliche Kochbücher sind zumindest hinsichtlich ihrer physischen Erscheinung Unikate, allerdings nicht übermäßig wertvoll. Zur Veranschaulichung: Bei www.abebooks.de ist ein handschriftliches Kochbuch von 1765 für €825 zu haben, ein Exemplar der ersten (und einzigen) Auflage des St. Petersburger Kochbuches für feine und bürgerliche Küche aus dem Jahre 1896 kostet €2603. Kochbuchhandschriften aus dem 18. und 19. Jahrhundert liegen in relativ hoher Zahl vor – es sind also weder ihre Seltenheit noch der Preis, den sie auf dem Markt erzielen, der ihren Wert definiert. Dennoch ist jedes einzelne Stück ein Verlust, den Geld in keiner Weise aufwiegen kann, denn die Erkenntnisse, die aus ihm gewonnen werden, dienen unserem kulturellen Gedächtnis, verankern uns in Zeit und Raum und bieten uns durch die Vielfalt an oft vergessenen Rezepten wichtige Impulse für unser gegenwärtiges Leben.

Die Kochbücher, mit denen ich mich im Zuge meiner Dissertation befasse, werden unter dem Begriff „Frauenkochbücher“ zusammengefasst, wobei die Bezeichnung zwar etwas schwammig ist, sich aber fest eingebürgert hat. Diese Manuskripte wurden entweder von Frauen geschrieben, für Frauen erstellt oder von Frauen für Frauen angefertigt (oft finden sich Namensvermerke) und enthalten Gebrauchstexte. Neben den Kochrezepten finden sich sehr häufig auch Anleitungen zur Herstellung von Medizin – typisch nicht nur für diese Manuskripte im Speziellen, sondern ein Indiz dafür, in welchem Nahverhältnis die Kochkunst und die Medizin miteinander standen. Leere Seiten zeigen, dass die Bücher laufend erweitert wurden, weshalb sie nicht nur über einige Generationen in Gebrauch waren, sondern demzufolge auch die Spuren der Hände mehrerer Schreiberinnen und Schreibern aufweisen. Im Gegensatz zu schriftstellerischen Erzeugnissen gewähren sie Einblicke in den Sprachgebrauch von Privatpersonen und weisen Gegensätze zur überregional ausgeprägten Schriftsprache auf; außerdem liefern sie Aufschlüsse über die weiblichen Bildungsvoraussetzungen dieser Zeit sowie über die Sozialgeschichte des Lesens und Schreibens im Allgemeinen.[1]

UBG Ms. 1963, Fol. 8v Rezept „Schunken in süsser Limmony Sooss"

UBG Ms. 1963, Fol. 8v
Rezept „Schunken in süsser Limmony Sooss“

Nehme einen geselchten Sauschunken, wasche ihn | sauber aus, siede ihn schön weich, hernach nehme | süsse Lemony, Porthugesser, und ein Stück Zucker | reibe die Portugesser auf den Zucker ab, thue es | in ein Reindl hinein, so viel das man glaubt, das | es schön gelb wird, druck den Lemoni und Portugeser <…> (Rezept aus der Handschrift MS1963, Fol. 8v)

Womit ich mich in diesem Blogeintrag beschäftigen möchte, ist die Funktion der Kochbuchhandschriften als Informationsübermittler intimer Art und als Träger persönlichen kreativen Ausdrucks. Die Website Kunstportal – artfocus.com bietet eine Definition (oder den Versuch derselben), die mir in diesem Zusammenhang sehr gut gefällt: „Kunst ist eine wesentliche Ausdrucksform für Gefühle und Gedanken, welche den Menschen bewegen. Kunst ist hierbei weniger das, was Kritiker und Spekulanten für wertvoll und handelbar halten, sondern vielmehr all das, worin der Künstler ein Stück von sich selbst gegeben hat. Sei es ein großes oder ein eher bescheidenes Werk. Es ist immer Ausdruck einer expressiven Schaffenskraft und des Bedürfnisses, sich mitzuteilen.“[2] Niklas Luhmann wirft in seinem Aufsatz Das Medium der Kunst folgenden Gedanken auf: „Kunstwerke sind nicht einfach Spuren, die menschliche Tätigkeit in der wahrnehmbaren Welt hinterläßt. Sie entstehen auch nicht als bloße Relikte zweckgerichteten Verhaltens wie Werkzeuge, Häuser, Straßenlärm oder radioaktive Strahlung. Sie dienen, um auf ein minimales Abgrenzungskriterium abzustellen, der Übermittlung von Sinn. Das erfordert ein Medium, in dem (oder durch das) die Übermittlung stattfindet.“[3] Die Kochbuchmanuskripte nun tragen zunächst eine offensichtliche Art von Information in sich – die Rezepte, um derentwillen die Mühe des Schreibens überhaupt aufgenommen wurde. Dies ist aber keineswegs alles, denn in den Büchern lassen sich auch Zeichnungen, Malereien oder Gedichte sowie Notizen finden, die nicht unbedingt oder überhaupt gar nicht mit den Rezepten in Verbindung stehen. (Ausgenommen hiervon sind Schmuckblätter, die als dem Buch zugehörige Gestaltungselemente zu verstehen sind.) Ich führe hier zur Veranschaulichung verschiedene Handschriften an, die zwar nicht unmittelbar mit meiner Dissertation in Zusammenhang stehen (also nicht zu den Kochbüchern zählen, die das Textkorpus bilden), aber gut vermitteln, was sich häufig finden lässt.

Ein augenfälliges Beispiel für den nicht ausschließlich auf Rezepte bezogenen (aktiven) Austausch von Informationen ist das Kochbuch für die Anna Plochl (1819). Die aus bürgerlichem Hause stammende Ehefrau des steirischen Erzherzogs Johann hielt darin eigene und von anderen verfasste Gedichte fest, die Hinweise auf ihre Stimmungslagen sowie ihre Gesinnung geben; Herta Neunteufl zufolge ist (wohl vor allem für die Zeit vor der Hochzeit) „anzunehmen, daß es als heimlicher Briefersatz Annas fungierte. Konnte sie doch nicht wagen, dem Postweg ihre geheimsten Stimmungen anzuvertrauen, ohne Gefahr zu laufen, daß die Briefe abgefangen würden. Da sich der Erzherzog für Wirtschaftsführung und Kochen interessierte, konnte ein Kochbuch ausgetauscht werden, ohne Bespitzelung oder Argwohn befürchten zu müssen. [… Es] ist naheliegend, daß es des öfteren zwischen Anna und dem Erzherzog wie ein Postillon d’amour hin- und herging.“[4] Die erste und die letzte Seite des Manuskripts sind offenbar ausschließlich für die Gedichte reserviert, im Kochbuch selbst wird der freie Raum nach Rezepten dafür verwendet.[5] Nach einem Dessertrezept (Kaffeecreme Zilie) etwa findet sich ein (vermutlich nicht selbst entworfenes) Gedicht, das als Stimmungsanzeiger fungiert : „So lächelnd heiter Dir die Sonn, die Deinen/ Morgen Thraum bestrahlt, wenn sie aufs Neu/ der Schöpfung Wonn mit tausensfachen Freuden/ mahlt./ So sey Dein Erdenlos hieniden/ Daß Dein Lebenspfad immer blüht/ Wenn jeder Tag in sanften Freuden/ still über Deinen Scheitel zieht.“[6]

Das zweite Beispiel, in dem es um die Umsetzung kreativer Impulse (wobei diese nicht unbedingt von den Schreiberinnen und Schreibern stammen müssen) geht, entnehme ich zwei englischsprachigen Kochbuchhandschriften im Besitz der Wellcome Library, die Teil des Digitised recipe books projects sind. In der Handschrift MS.1796 (verfasst zwischen 1685-1725) findet sich eine Bleistiftzeichnung, die eine Frau während des Kochens zeigt. Die Projektmitarbeiter setzen die Illustration mit gelebtem Wissenstransfer in Bezug und untertiteln das Bild folgendermaßen: „This lively pencil sketch of a woman at work in her kitchen sums up the interactive nature of domestic recipe books. Recipe collections grew as accumulations of knowledge passed from one generation to the next, and often reveal family ties and social networks. This drawing vividly conveys the transfer of knowledge in progress: the owner works while her child watches and learns for the future.” Derartige Zeichnungen finden sich nicht selten; manchmal füllen sie leere Seiten aus, dann wieder sind sie in den Freiraum vor, zwischen oder nach Rezepten eingefügt. Es handelt sich dabei keineswegs immer um Kinderzeichnungen, wie das MS.2954 aus dem Jahre 1678 zeigt. Die Tuschezeichnung eines Pfaus befindet sich in der Mitte einer leeren Seite gegen Ende des Buches. Ob es sich dabei um eine Fingerübung oder eine abschließende Illustration handelt, bleibt Interpretationssache.

Wie ich einführend bereits angemerkt habe, liegt es mir fern, die Behauptung aufzustellen, Kochbuchhandschriften des 17., 18. oder 19. Jahrhunderts wären als Künstlerbücher zu werten. Dies sind sie sicherlich nicht, doch es finden sich in ihnen die Versuche, sich durch etwas Persönliches – seien es nun Gedichte oder Zeichnungen, explizit oder implizit – mitzuteilen. Es handelt sich dabei vielleicht eher um kleine als um große Kunstwerke, doch ihr Ziel haben sie erreicht.

+++

Autorin | Mag. Helga Müllneritsch, Bakk. (*1982 – 2011 wurde ihr für das Dissertationsvorhaben der Theodor Körner Preis verliehen und im April 2012 der zweite Preis der Christian Schölnast Volks- und Heimatkundeprivatstiftung für ihren Artikel über den Kürbis in der Steiermark (Historisches Jahrbuch der Stadt Graz 41) . Außerdem diverse Förderungstipendien. Seit 2012 PhD Candidate an der University of Liverpool)

weiter Artikel von Helga Müllneritsch findest du hier:


[1] Ausführlicher hierzu etwa: Heike Gloning: Handschriftliche Frauenkochbücher des 17. und 18. Jahrhunderts als Editions- und Forschungsaufgabe. Das „Koch Buöech gehörig Maria Verena Gaÿßerin jn Riedlingen A: 1710“. In: Editionsdesiderate zur Frühen Neuzeit. Beiträge zur Tagung der Kommission für die Edition von Texten der Frühen Neuzeit. Hrsg. von Hans-Gert Roloff. Tl. 2. Amsterdam: Rodopi 1997. (= Chloe. Beihefte zu Daphnis. 25.) S. 829-847; Thomas Gloning: Das handschriftliche Kochbuch zum Gebrauch der Theresia Lindnerin. Gießen: GEB 2009. (= Monumenta culinaria. 1.) URL: http://geb.uni-giessen.de/geb/volltexte/2009/7361/pdf/mc-1_kochbuch-lindnerin.pdf [23.01.2011] sowie Thomas Gloning: Textgebrauch und sprachliche Gestalt älterer deutscher Kochrezepte (1350-1800). Ergebnisse und Aufgaben. In: Textsorten deutscher Prosa vom 12./13. bis 18. Jahrhundert und ihre Merkmale. Akten zum internationalen Kongress in Berlin, 20. bis 22. September 1999. Hrsg. von Franz Simmler. Bern [u.a.]: Lang 2002. (= Jahrbuch für Internationale Germanistik. Reihe A. 67.) S. 517-550.

[3] Niklas Luhmann: Das Medium der Kunst. In: Ders.: Aufsätze und Reden. Hrsg. von Oliver Jahraus. Stuttgart: Reclam 2001, S. 198.

[4] Herta Neunteufl: Das Erzherzog Johann Kochbuch. Graz: Leykam 1990, S. 127.

[5] Vgl. ebda, S. 129. – Leider dürfte es nicht mehr möglich sein, die Originalhandschrift zwecks weiterführender Forschungsarbeit zu konsultieren, da sie nach den Angaben Neunteufls aufgrund der mangelhaften Papierqualität nicht mehr brauchbar ist (siehe S. 131). Vor allem die Mangelhaftigkeit, die nach Neunteufl (S. 128) Anna Plochls Orthographie auszeichnet, sowie die Anordnung der Gedichteinsprengsel wären für eine nähere Betrachtung interessant.

[6] Ebda, S. 129. – Die Schrägstriche markieren das Zeilenende. Im Erzherzog Johann Kochbuch kursiv gesetzt.

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