Künstlerbuch | Fotobuch: Martin Behr / Martin Osterider: Triester (Edition Camera Austria, Graz 2013/2014)

Lokalaugenschein Triestersiedlung

Seit 2003 werden von den beiden Grazer Künstlern Martin Behr und Marin Osterider (beide 1964 geboren) unabhängig voneinander in regelmäßigen Abständen fotografische Streifzüge durch die Triestersiedlung im Grazer Stadtteil Gries unternommen, in dem die beiden aufwuchsen. Laut dem Pressetext folgen sie dabei zwei Wegen, die beide in der Kindheit bei Spaziergängen oftmals mit Familie oder Verwandten gegangen sind – betitelt als die „lange“ oder die „kurze“ Runde. Aus dem Langzeitprojekt Triester sind bis jetzt neun Bände (Triester 1-9) in der Edition Camera Austria entstanden, die ich hier kurz vorstellen möchte.

Teile des 5. Grazer Stadtbezirkes Gries sind nicht gerade für ihre Sehenswürdigkeiten bekannt. Als Beispiel können hier das Rotlicht-Viertel am Griesplatz oder die Strafvollzugsanstalt Karlau genannt werden. Ganz in der Nähe befindet sich zudem die berühmt-berüchtigte Triestersiedlung, die von Blockbauten aus den 1930er-Jahren dominiert wird. „Fragt man in Graz nach der Triestersiedlung, lächeln viele zuerst einmal. ‚Dort wohnen die Alkoholiker, die Arbeitslosen, die Asozialen’, lautet in der Regel die Antwort. Ein bisschen was hat sich die Siedlung aber von ihrem eigenen Rhythmus bewahrt. Die Lokale tragen hier noch die Vornamen ihrer Besitzer (Anm. siehe Triester 6). In Helga’s Stüberl, einem Rückzugsort für die alte Garde in der Siedlung, spielen die Gäste lieber Karten als mit dem Spielautomaten, der unter einem Pin-up-Kalender im Winkel steht. […]“ [1]

Mein Freund Gregor und ich kommen selbst aus Graz. Umso spannender war es, in den neun Fotobüchern von Marin Behr und Martin Osterider zu schmökern. Gregor, der selbst neun Jahre in der Nähe der Triestersiedlung gewohnt hat, sucht in den Büchern (die er von hinten nach vorne anschaut) verzweifelt nach der Kirche und seiner ehemaligen Schule. Endlich bei Triester 5 angekommen, schreit er auf: „Schau, da rechts war der Werksaal. Früher durften wir immer als Erste in der Schule sein, weil wir Kakao- und Milchausträger waren.“ Bei Triester 1 zeigt er mir dann ganz stolz die Kirche, die eher an einen Blockbau als ein Haus Gottes erinnert. „Warum der ‚Bad-Boys-Park’ nicht abgebildet ist, verstehe ich jetzt aber nicht so ganz. Da haben die Rowdies immer Fußball gespielt und mit Blasröhrln munitioniert mit Teerkugeln auf uns geschossen.“

Behr und Osterider füllen jedes der neun durchnummerierten Künstlerbücher, die im Durchschnitt 25 Abbildungen beinhalten mit einem neuen Themenschwerpunkt aus ihrem Bildarchiv. Im Vergleich zu Triester 1, in dem sich noch vermehrt Menschen auf den Bildern befinden, zeigen die Fotografien der folgenden Ausgaben Parkanlagen, Wege oder menschenleere Orte, wie beispielsweise verlassene Geschäftslokale oder geschlossene Tankstellen. Auf besprühten Hausmauern stehen Sprüche wie „Erdbeeren für alle“ oder die Buchstaben „ACAB“, die für die Parole „All cops are bastards“ stehen. Die Triestersiedlung ist zwar etwas heruntergekommen, aber alles andere als farblos. Ein gutes Beispiel hierfür ist Triester 6, das zahlreiche Abbildungen der bunten Häuserfassaden zeigt, die wiederum dem Büro Satz & Sätze als Referenz für die Gestaltung der Umschlagcover dienten.

Interessanterweise entscheiden sich die beiden Künstler dazu, einige Fotografien in den Künstlerbüchern immer wieder aufs Neue zu zeigen, oftmals auch aus einer veränderten Perspektive oder mittels Bildausschnitten. „Die Redundante und Wiederkehrende ist ein wesentliches Moment der fotografischen Praxis wie der visuellen Organisation der Bücher.“ Der Moment der Wiederholung spiegelt sich auch in den verschiedenfarbigen Büchern wider und so signalisieren Triester 4 und 5 (Rosa) sowie Triester 6 und 7 (Beige) äußere sowie inhaltliche Zusammenhänge.

Ich bin schon sehr auf Triester 10 gespannt. Vielleicht ist dann ja der „Bad-Boys-Park“ zu sehen …

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[1] http://www.datum.at/artikel/gestern-waren-wir-noch-helden/

Martin Behr, Martin Osterider: Triester, Edition Camera Austria 2013/2014

Martin Behr, Martin Osterider: Triester, Edition Camera Austria 2013/2014

Martin Behr / Martin Osterider: Triester

  • Edition Camera Austria, Graz 2013/2014
  • Serie von 9 Künstlerbüchern (auch einzeln erhältlich)
  • Softcover | 14 x 21 cm, Klammerheftung, je 32 Seiten und ca. 25 Abbildungen
  • Grafische Gestaltung | Satz & Sätze
  • Preis pro Heft € 7,90, Serie 1-9: € 53, mehr Infos hier: Camera Austria
  • Sonderedition: Box aus Leinen, signiert und nummeriert, 25 + 5 AP mit 9 C-Prints, je 13 x 19 cm, € 325, Camera Austria
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