Kinematografische Effekte in der Werkserie Embassy von Thomas Demand | Teil II

Fortsetzung von | Kinematografische Effekte in der Werkserie Embassy von Thomas Demand | Teil I

Als die stimmigste Darbietung der Werkserie Embassy von Thomas Demand sollen hier die Ausstellungen in der Hamburger Kunsthalle und in der Fundación Telefonica in Madrid genannt werden, die im Jahr 2008 realisiert wurden.[1] Die raumgreifende Installation Embassy befand sich in Madrid im Zentrum der kleinen Werkschau, die sich auf wenige Arbeiten des Künstlers konzentrierte. Die Kulisse für die Werkserie mit ihren schwarzen Wänden wurde mittig im Raum aufgestellt und versperrte somit die Sicht auf mögliche dahinterliegende Werke, was die Spannung und Erwartung der Besucher verstärkte.[2] Da die Kulissen bis zur Decke reichten und sich die Lichtspots einzig auf die Bilder der Werkserie konzentrierten, wurde es dem Besucher ermöglicht, besser in die Szenen einzutauchen.[3]

Die Werkserie Embassy kann somit auch als raumgreifende Installation gesehen werden, die den Betrachter nicht nur zum Sehen veranlasst, sondern auch eine Begehung und Berichterstattung vonseiten des Rezipienten ermöglicht. Die Werke erfordern vom Besucher mehr, als rasch anzuhalten, die Kurzbeschreibung zu lesen und dann zum nächsten Bild weiterzugehen. Man muss sich hier selbst auf den Weg machen und die Installation bis zum Ende begehen, um das ganze Werk erfassen zu können. Thomas Demand will in dieser Arbeit ganz bewusst mit dem Betrachter kommunizieren und lässt den Rezipienten zum Akteur in einem Film werden, der je nach Schrittgeschwindigkeit individuell abgespielt werden kann. Interessanterweise finden sich zu den oben genannten Denkansätzen nur zwei Aufsätze. Anne Wehr schreibt in ihrem kurzen Artikel: „The images progress cinematically like stills in a long tracking shot, as though following the artist’s – or perhaps eve the would-be burglar’s – passage through the building.“[4] Ebenso vergleicht Michael Diers die Installation der Werkserie Embassy mit einem kinematografischen Effekt.[5] Laut ihm bauen die verwinkelten Räume der Kulisse eine narrative Spannung auf, die zugleich ein Täuschungsmanöver auf der Ebene der Installation darstellt.

Thomas Demand, Embassy VII.a, 2007, C-Print/ Diasec, 51 x 53,5 cm. © Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bonn / VBK, Wien.

Thomas Demand, Embassy VII.a, 2007, C-Print/ Diasec, 51 x 53,5 cm. © Thomas Demand, VG Bild-Kunst, Bonn / VBK, Wien.

Bei ganz genauem Betrachten der Werkserie fällt auf, dass Demand offensichtlich kleine Veränderungen an den Szenenbildern vornimmt. Diese Belebung der Motive, beispielsweise im Büro der Botschaft, lässt die Werke als Filmsequenzen fungieren, in denen sich kurz Protagonisten befinden, die etwas verändern und beim nächsten Filmstill wieder aus dem Bild treten. Besonders auffallend sind dennoch die fehlenden Gebrauchsspuren der Gegenstände, die von Bild zu Bild ihren Platz verändern. Es fehlt hierbei weder der Inhalt des Kaffees in der Tasse, noch befinden sich ausgedrückte Zigaretten im Aschenbecher; kein einziges Blatt Papier hat ein Eselsohr, kein Bleistift ist ungespitzt und auch der Boden weist keinerlei Gebrauchsspuren auf. Im Besucher entsteht jedoch unweigerlich der Eindruck, dass sich in diesem Raum jemand aufgehalten hat. Vielleicht ist es ja er selbst, der im Moment des Betrachtens zum Hauptakteur dieses eigenwilligen Films wird. Mark Rosenthal bezeichnet in seiner Publikation Understanding Installation. From Duchamp to Holzer diese veränderten Räume als „overall environments“, die sich durch einen eingeschränkten oder wegfallenden Fluchtweg auszeichnen.[6] Diese raumfüllenden Installationen lassen den realen Körper von der Realität verschwinden und der Betrachter wird von einer fremden Aura und Weltsicht dominiert. Die raumexpandierende Inszenierung der Werkserie Embassy zeigt aber auch den Weg, den man beschreiten würde, um eine Wohnung zu beschreiben.[7] Im Fall von Embassy ist es die Schilderung der Botschaft des Niger aus der ganz persönlichen Sicht von Thomas Demand; es ist eine künstlich gemachte Welt des Künstlers, die das Gefühl vermittelt, einen nicht autorisierten Ort zu betreten.

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Thomas Demand zwischen den Bildern Embassy VII und VI in der Fondazione Giorgio Cini in Venedig, 2007

Die Werkserie Embassy des Künstlers Thomas Demand zeigt den schmalen Grat zwischen Lüge und Wahrheit auf. Die Verträge, die auf dem Briefpapier der Botschaft des Niger gedruckt waren, wurden zwar schnell als gefälscht enttarnt; dennoch dienten sie Jahre später als Rechtfertigung eines Krieges. Demand zeigt Vergleichbares in seiner Kunst: Bei genauerem Betrachten entpuppen sich die Fotografien der scheinbar echten Räume der Botschaft ebenso als Fälschungen und Nachbauten aus Papier und Pappe. Der Künstler konnte bei Embassy nicht wie gewohnt auf schon vorhandenes Bildmaterial zurückgreifen, und so setzte er erstmals eine nicht öffentlich dokumentierte Begebenheit im wortwörtlichen Sinne aus seinem Gedächtnis „in Szene“. Die dunkel gehaltene raumgreifende Kulisse ermöglicht dem Betrachter ein Verschwimmen der einzelnen Ebenen und verlangt gegenüber einer herkömmlichen Fotopräsentation eine genaue Choreographie des Besuchers. Der Betrachter wird hier nicht nur zum Hinsehen veranlasst; um das Werk ganz erfassen zu können, muss er sich bei Embassy selbst auf den Weg machen und die Installation bis zum Ende begehen. Der Künstler will in dieser komplexen Arbeit ganz bewusst mit dem Besucher kommunizieren und lässt ihn zum Akteur in einem Kurzfilm werden, welcher je nach Schrittgeschwindigkeit individuell „abgespielt“ werden kann. Die Arbeiten zeigen Standbilder, die eine lange Kamerafahrt – von der Fassade des Gebäudes bis zu den Räumlichkeiten der Botschaft – suggerieren. Durch die perfekte Inszenierung der Werkserie und die narrative Abfolge der Fotoarbeiten kann Embassy also durchaus als Hybrid zwischen Fotografie und Film gesehen werden. Die eigens für die Ausstellung entworfene Kulisse – je nach Museum oder Galerie in ihrer Größe variierend – ist ebenso einmalig im bisherigen Schaffen von Demand, wie auch die vielen Standbilder, die sich im Kopf des Betrachters zu einem Film entwickeln. Gerade bei der Werkserie Embassy, mit ihren kinematografischen Effekten, darf hier die Rolle des Rezipienten nicht unterschätzt werden. Bei den Nahaufnahmen ertappt man sich dabei, Einzelheiten des Einbruchs erfahren oder einen schnellen Blick auf das Briefpapier erspähen zu wollen, auf denen die gefälschten Verträge gedruckt waren. Demand fügt jedoch keinerlei beschreibende Details hinzu und somit kann sich die brisante Geschichte – je nach Vorwissen des Betrachters – erst im Kopf des Besuchers kreieren. Die Betonung liegt hier bei „kann“, denn es ist genauso möglich, die Ausstellung als reine Fotoarbeit wahrzunehmen, in denen die Bilder des Tatorts für sich alleine stehen. [8]


[1] Vgl. Sérgio Mah, The Attentive Spectator, in: Cámara. Thomas Demand (Kat. Ausst., Fondacion Telefonica, Madrid 2008; Kunsthalle Hamburg 2008), Madrid 2008, S. 11.

[2] Da die Hamburger Kunsthalle über einen Eckgrundriss verfügt, wurde der Besucher beim Eingang direkt in die Installation der Werkserie Embassy geführt. Anders als in der Fundacion Telefonica in Madrid, gab es hier keinen Ausgang. Rainer Unruh, Thomas Demand. Camera, in: Kunstforum, Bd. 191, 2008, S. 295. „Dass der Besucher sich dabei in kreisenden Bewegungen der Überwachungskamera auf dem Video „Camera“ anpasst, ist gewiss kein Zufall und spricht für die Konzeption der Ausstellung.“

[3] Die Präsentation mit den direkten Spotlights wurde ebenso in der Fondación Telefonica Madrid 2008 und im MUMOK in Wien 2009 umgesetzt. Weniger gelungen war die Lichtsituation von Embassy im Sommer 2012 in der Gruppenausstellung RAY-Making History im MMK-Museum moderner Kunst Frankfurt. Durch die enorme Höhe des lichtdurchfluteten Ausstellungsraumes wurde der Besucher zu sehr von der Museumsarchitektur abgelenkt, was ein Verschwimmen der Ebenen erschwerte. Die Eröffnungsfigur der Werkserie Embassy wurde beispielsweise in der Ausstellung im Jahr 2007 in der 303 Gallery in New York sehr gelungen gewählt. Embassy I wurde genau so gehängt, dass die Fotografie mittels der Eingangstüre aus Glas zugleich als Fassade der Galerie fungierte.

[4] Wehr 2008, S. 177.

[5] Vgl. Michael Diers, Die doppelte (Ent-)Täuschung. Bilder nach Bildern bei Thomas Demand, in: Bärbel Hedinger (Hg.), Täuschend Echt. Illusion und Wirklichkeit in der Kunst, München 2010, S. 58.

[6] Vgl. Mark Rosenthal, Understanding Installation Art. From Duchamp to Holzer, München u.a. 2003, S. 33-43.

[7] Vgl. Bert Lootsma, Doors. Ovals. Sculptures. Interview mit Thomas Demand, in: Thomas Demand – Executive. Von Poll zu Presidency (Kat. Ausst., MUMOK, Wien 2009), Köln 2012, S. 102.

[8] An dieser Stelle möchte ich Helga Müllneritsch für ihre Unterstützung danken.

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