Jasmin Keller: Wenzel Stählin, „Condition Conditioning”, 2019 (Kurztext 5, Universität Hildesheim, Dozentin: Regine Ehleiter)

Grell-rote Farbformen auf festem weißem Papier bestimmen den Buchumschlag von „Condition, Conditioning“ von Wenzel Stählin, der an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig Fotografie studierte. Klappt man den diesen beidseitig auf, wird ersichtlich, dass sich diese Farbfläche noch einmal auf der Rückseite doppelt. Die wulstigen Erhebungen in der Struktur der roten Farbformen weisen auf eine besondere Herstellung des Buchumschlags hin: So wurde dieser nicht einfach bedruckt, sondern tatsächlich rote Farbe auf eine Hälfte des Kartons gegeben, sodass sich diese durch Zusammenklappen auf der anderen Hälfte des Umschlags wiederfindet. Dadurch ergibt sich eine symmetrische Farbform, die in ihrem Aufbau an ornamentale Strukturen oder auch die Tintenklecksdrucke eines Rorschachtests erinnert.

Angaben, wie die zum Titel und Autor dieses Buches, die üblicherweise auf dem Cover stehen, finden sich dadurch erst im Inneren. Ein kurzer Prolog auf der zweiten Seite hält nähere Informationen parat: Der Text verweist auf eine holländische Sicherheitsfirma, die Raub- und Greifvögel zur Abwehr „feindlicher Drohnen“ einsetzt. Mehr Kontext zu den diesen oder der Sicherheitsfirma wird nicht gegeben, dafür aber der zentrale Hinweis, dass während der Fütterung der Vögel defekte Drohnen eingesetzt und, so legt es der Titel nah, die Vögel konditioniert werden. Auch der Protagonist der Publikation, Ronny, wird an dieser Stelle vorgestellt und versichert, dass der gelbbraune Adler während des Shootings nicht zu Schaden gekommen sei. Einen weiteren Hinweis auf Bild-Elemente, die im Folgenden erscheinen werden, gibt es durch drei kleine grafische Illustrationen einer Blume, eines Stücks Fleisch und eines Strunks Weintrauben.

Nach dem Prolog eröffnet die Publikation mit einer Fotoserie, die Ronnys Konditionierung mit einer Drohne während seiner Fütterung zeigt. Es sind Aufnahmen im Freien, auf denen eine weiße Drohne zwischen Kies und vereinzelten Blumen zu sehen ist oder eine Drohne, deren Arm mit rohem Fleisch behängt ist. Diese Fotografien sind größtenteils schwarz-weiß abgedruckt und heben sich damit von den farbigen Studioaufnahmen des sich anschließenden Innenteils ab. Dieser enthält sowohl vollflächige Aufnahmen, die sich über eine ganze Doppelseite erstrecken, als auch Fotografien, die kleiner und mittig auf der Seite platziert wurden, sodass viel Weißraum entsteht und sogar ganze weiße Seiten als gestalterisches Mittel eingesetzt werden.

Zu sehen ist Ronny in einem Studio mit Styroporplatten, Granitsteinen und einem schwarzen Gemälde, das an das tintenklecksartige Rorschach-Motiv des Buchumschlags erinnert. Der Test entstammt, wie ursprünglich auch die Methode Konditionierung, dem Feld der Psychologie, wo er zur Bestimmung von Persönlichkeitstypen eingesetzt wird. Auch die angekündigten Elemente Obst, Fleisch und Blumen lassen sich im Innenteil wiederfinden und eröffnen mögliche Bezüge zur Tradition der Stillleben-Malerei.

Die Detailaufnahmen des Settings ermöglichen es, ein Gefühl für Ronnys Perspektive während der Fütterung und des Trainings zu bekommen. Die Aufnahmen zeigen die Verwüstung und die Spuren, die sein Schnabel an der Drohne hinterlässt. Ronny muss bei der Fütterung die Drohne angreifen, um an seine Nahrung zu gelangen. Die Studioaufnahmen zeigen den Trainingsprozess, den das Tier durchläuft, um am Ende im Freien, auch ohne Fleischstücke, darauf abgerichtet zu sein, eine (funktionstüchtige) Drohne mit dem Schnabel anzugreifen.

 

Die großflächigen Aufnahmen von Ronny unterstreichen die typische, Adlern eigene Eleganz und verweisen auf ein erhabenes Tier, das lernt, sich gegen moderne Technologie zur Wehr zu setzten. Der gestalterisch eingesetzte Weißraum verleiht dem Szenario etwas Laborartiges und lädt die Leser*innen dazu ein, die Leerstellen in ihrer Vorstellung zu ergänzen. Über die Seiten hinweg lernt man Ronny aus einer beobachtenden Position kennen und blickt mit Interesse auf seinen Lernprozess. Bereits im Prolog wurde stets von „Ronny“ gesprochen und nicht etwa nur von einem Adler. So baut man als Leserin schon zu Beginn an eine Beziehung zum Protagonisten des Buchs auf.

Klappt man zuletzt den Buchdeckel wieder zu, fällt die grell-rote Fläche erneut auf. Nach der Lektüre erinnert diese mit ihren symmetrisch abgehenden Armen nun selbst an eine Drohne – und die Konditionierung scheint damit gleich doppelt gelungen.


Wenzel Stählin, „Condition Conditioning”, 2019

  • Edizione Multicolore, Berlin 2019
  • 52 Seiten / 38 x 27cm, Cover in unterschiedlichen Farben (Rohrschach-Prinzip)
  • 1.Edition 100 Stück, 35€ via Edizione Multicolore

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